Machiavelli oder Die Kunst der Macht by Volker Reinhardt

Machiavelli oder Die Kunst der Macht by Volker Reinhardt

Autor:Volker Reinhardt [Reinhardt, Volker]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783406630187
Herausgeber: C. H. Beck
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


Auf Messers Schneide

Piero Soderinis Festhalten am französischen Bündnis verlor durch die zunehmende Beliebtheit Giovanni de’ Medicis bei den führenden Familien von Florenz allmählich an Zustimmung, blieb jedoch in den entscheidenden Abstimmungen des Großen Rats mehrheitsfähig. Um eine weitere Polarisierung zu verhindern, ließ sich die Signoria Ende Dezember 1511 auf Sondierungen in Rom ein. Ihr Botschafter Antonio Strozzi sollte erkunden, unter welchen Bedingungen eine Versöhnung mit dem Papst möglich sei. Zugleich erhielt er das Mandat, die Wiederaufnahme der Republik in den Schoß der Kirche einzuleiten, falls diese Prozedur ohne demütigende Riten zu bewerkstelligen sei. Die Republik war sogar zu einer Entschuldigung bereit, wenn sie dabei nicht völlig das Gesicht verlor. Zugleich fügte die Stadtregierung ihre Sicht der Ereignisse bei, die zu diesem unseligen Konflikt geführt hätten. Der Tenor dieses Memorandums lautete: Wir sind gegen unseren Willen in diese Konfrontation hineingeschlittert; Frankreich und der Kaiser haben entschieden, wir mussten gehorchen. Darüber hinaus sollte Strozzi das Messer in den Wunden des Papstes kräftig rühren. Er habe schließlich den Krieg um Bologna verloren. Dadurch stünden die Franzosen direkt vor der Haustür von Florenz, und der Republik bleibe gar nichts anderes übrig, als Ludwig XII. zu Willen zu sein.

Wir sind klein, willenlos und unschuldig: Sich so vor Julius II. zu demütigen, war äußerst unklug, es sei denn, man leerte diesen bitteren Becher bis zur Neige. Strozzi hatte sich mit dem Papst über alle Friedensbedingungen bis auf eine einzige, scheinbar nebensächliche geeinigt: Die Republik sollte eine Steuer aufheben, die sie dem Klerus zur Kriegsfinanzierung auferlegt hatte. Doch dazu war die Mehrheit des Großen Rates nicht bereit. Warum sollten immer nur die kleinen Leute und nicht die reichen Prälaten zahlen? So wurde auch diese Gelegenheit, den bedrohlichen Konflikt zu entschärfen, versäumt.

Die Befürworter eines harten Kurses sahen sich kurz darauf bestätigt: Im Februar 1512 eroberte das französische Heer die venezianische Stadt Brescia. Kurz zuvor hatte Florenz den achtundzwanzigjährigen Patrizier Francesco Guicciardini als Botschafter nach Spanien geschickt. Er sollte Ferdinand von Aragon davon überzeugen, dass ein Angriff des Papstes auf Florenz nicht im spanischen Interesse lag, sondern nur die Rachegelüste des rasenden Papstes befriedigen sollte.

Trotz des französischen Erfolges weigerte sich Florenz, dem Wunsch Ludwigs XII. nachzukommen und dem Papst sowie Spanien den Krieg zu erklären. Truppen der Republik waren deshalb nicht auf dem Schlachtfeld vertreten, als das französische Heer am 11. April 1512 bei Ravenna die spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen besiegte. Die Befürworter der französischen Allianz sahen sich dadurch triumphal bestätigt und setzten sich in den Räten deutlicher denn je durch. Unter den Gefangenen, die die Franzosen gemacht hatten, war auch der päpstliche Legat, Kardinal Giovanni de’ Medici; der Anführer der gefährlichsten innerflorentinischen Opposition war dadurch handlungsunfähig geworden. Natürlich sah sich auch das nach Mailand verlegte conciliabulum im Aufwind: Zehn Tage nach der Schlacht enthob es Julius II. seiner geistlichen und weltlichen Amtsgeschäfte. Zu einer formellen Absetzung konnten sich die wenigen Prälaten, die in der lombardischen Hauptstadt verblieben waren, nicht durchringen; die letzte Hintertür blieb dadurch einen Spalt weit offen.

Doch die Euphorie dauerte nicht lange. «Ravenna» wurde schnell zum Synonym für einen Pyrrhussieg.



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